
Urgestein deutscher Hip-Hop-Kultur
"Der Lange" präsentierte im VEB seine neue CD - Leidenschaft statt klischeemäßiger Attitüden
Siegen. Dass ein Spaziergang durch Dortmund eine Reise in die deutschen Hip-Hop-Anfänge der frühen Achtziger ist, wissen die Wenigsten. Man entdeckt bleiche Konturen kunstvoll gesprühter Graffiti mit dem Kürzel der Jugendbewegung - manche lesbar, andere bis zur Unkenntlichkeit gezeichnet. Das ein oder andere könnte vielleicht von ihm stammen. "Der Lange", der sich auch "Atom One" nennt, gilt in der Szene als Graffitiaktivist der ersten Stunde. 1986 hat er zum ersten Mal den Finger auf die Sprühkanne gedrückt. Heute hat er seine eigene Sprühdosenfarbe "Atom Napalm Orange", präsentiert seine Werke in Museen und reist im Namen der Hip-Hop-Bewegung um die ganze Welt - aber nicht nur mit Spraydose und Skizzenheft: Sein Bandkollege "Doze" von der Dortmunder Rapgruppe "Too Strong" drückte ihm irgendwann einmal ein Mikro in die Hand und "Der Lange" fing an zu rappen. So hat er seit 1986 als Solokünstler und mit verschiedenen Rapgruppen mehr als fünf Schallplatten veröffentlicht. Seine neueste Scheibe "You cant keep it back" präsentierte er am Montag mit seinem DJ "Mirko Machine" und Rappartner "MF 23" im Siegener VEB. Veranstalter war der Verein "Style Fiasko".
Nicht um seine Platte zu vermarkten, sondern um die Hip-Hop-Kultur zu leben und junge Aktivisten zu inspirieren, tourte der bullige Rapper nach eigenen Angaben seit Mitte September durch Deutschland und die Schweiz. In Siegen war letzter Stopp der Reise.
Mit wuchtiger Stimmgewalt und aggressivem Sprachrhythmus kickte er seine Texte über Musik mit wummernden Bässen. Abseits von Gangstergetue und "Nur ich"-Attitüden handelten seine Lieder von der Leidenschaft für die "eigentliche Hip-Hop-Kultur" - aber auch von Persönlichem. "In meinen Texten gebe ich meiner Seele eine Stimme", sagt er. Mit seinen Raps versteht sich "Der Lange" als Gegenentwurf zur gegenwärtigen Kulturbewegung, die sich mehr und mehr nach Marketingkonzepten richte. Doch er bleibe im Untergrund, um sich und seinen Fans treu zu bleiben. Dass zahlreiche junge Fans ihr Idol im VEB feierten, die geboren wurden, als er zum ersten Mal ins Mikro rappte, machte deutlich, dass seine Message vom "echten Hip-Hop" ankommt.
Von Sebastian Polmans